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Keine Liebeshochzeit – Vor 200 Jahren entstand die Nassauische Union

Die Unionskirche in Idstein. Hier fand die Synode statt, die die Vereinigung der Reformierten und Lutheraner im Herzogtum Nassau beschloss. (Bild: epd-bild/Andrea Enderlein)

Beide Kirchen sind protestantisch, theologisch aber unterscheiden sich Reformierte und Lutheraner. Daher war die Nassauische Union vor 200 Jahren etwas Besonderes. Für das strittige Abendmahl wurde eigens ein „Unionsbrot“ erfunden.

Angeblich war der persönliche Wunsch des Herzogs ausschlaggebend. Wilhelm I. von Nassau, der dem reformierten Bekenntnis in der Tradition von Calvin und Zwingli anhängt, will gemeinsam mit seiner lutherischen Frau Luise das Abendmahl feiern. 1817 undenkbar: Es gibt mehrere protestantische Kirchen, die theologisch uneins sind.

Wilhelm will das ändern. Neben dem gemeinsamen Abendmahl mit der Gattin hat er einen weiteren Beweggrund: Er muss seine Herrschaft in Nassau nach den Wirren der napoleonischen Zeit festigen. Er will das Land vereinheitlichen – und die Kirchen gleich mit. Im Fall der Katholiken ist das zwar von vornherein aussichtslos, nicht aber bei den verschiedenen protestantischen Richtungen.

Nassau war ein konfessioneller und religiöser Flickenteppich

Im 18. Jahrhundert hatte es mehrere Nassauer Fürstenhäuser gegeben, die verschiedenen Strömungen des Protestantismus anhingen. Napoleon, der die europäische Landkarte durch seine Kriege umpflügte, schuf ein einiges Nassau und verschob dessen Grenzen mehrfach, so dass das mittlerweile zum Herzogtum aufgestiegene Nassau 1816 ein Flickenteppich aus Lutheranern, Reformierten und Katholiken war.

In der Frühzeit der Reformation waren die Gräben zwischen den Anhängern der Reformatoren Luther einerseits und Calvin oder Zwingli andererseits tief. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts sind sie – vor allem durch die Aufklärung – flacher geworden. Auch das anstehende dreihundertjährige Reformationsjubiläum 1817 hilft bei der Annäherung, weil sich die Protestanten in dieser Zeit an ihre gemeinsamen Wurzeln erinnern.

Die von außen so schlichte Unionskirche ist im Inneren aufwendig ausgestaltet. Nach einer Sanierung erstrahlt sie pünktlich zum Jubiläum in neuem Glanz.

Zunächst  zögert der Herzog jedoch noch mit seinen Plänen. Denn auch Friedrich Wilhelm III. von Preußen will die protestantischen Kirchen seines Reichs einigen. Und der preußische König ist kein Mann, mit dem man es sich als kleiner Herzog verscherzen sollte, indem man dessen Ideen vorgreift.

Preußen ist zu langsam – der Herzog ergreift die Initiative

Als aber die preußische Verwaltung nicht in die Gänge kommt, beruft der nassauische Herzog doch für August 1817 eine Synode in Idstein ein. Im Pädagogium des Städtchens im Taunus kommen am 5. August 38 Abgeordnete der protestantischen Gemeinden Nassaus zusammen, 21 lutherische und 17 reformierte.

„Der virulenteste Punkt auf dieser Synode war das Abendmahl“, erläutert Jörg Bickelhaupt vom Zentrum Oekumene der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau und der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Der Knackpunkt: Für Lutheraner sind Brot und Wein tatsächlich Leib und Blut Christi, für die Reformierten beides nur Symbole. Die Lutheraner essen Oblaten, die Reformierten Brot, das der Pfarrer nach Jesu Vorbild bricht.

„Unionsbrot“ kombiniert Brotscheiben und Oblaten

Die Nassauer umschiffen die Uneinigkeit, indem sie ein „Unionsbrot“ erfinden: Sie kleben ausgestochene Brotscheiben auf Oblaten. Das Unionsedikt schreibt vor, dass diese Hostien „bei der Darreichung an die Kommunikanten gebrochen“ werden müssen. „Die Reformierten legten daraufhin das Unionsbrot häufig so, dass die Oblatenseite nach unten zeigte“, schildert der Mainzer Kirchenhistoriker Reiner Braun. „Bei den Lutheranern war es oft umgekehrt.“ Den Gemeinden stand aber auch frei, weiter entweder Oblaten oder Brot zu verwenden.

Seit 2002 erinnert eine Gedenktafel an der Unionskirche an die Vereinigung im jähre 1817. (Bild: epd-bild/Andrea Enderlein)

Aber die Union ist keine Liebeshochzeit. Über andere dogmatische oder liturgische Punkte sprechen die Synodalen 1817 erst gar nicht. Sie einigen sich auf das Apostolische Glaubensbekenntnis und das Augsburger Bekenntnis von 1530 als bestimmende Glaubensbezeugungen. „Das Apostolicum ist das zentrale Glaubensbekenntnis der westlichen Christenheit“, erklärt Bickelhaupt, „und das Augsburger Bekenntnis stellt den weitesten innerprotestantischen Kompromiss dar. Obwohl ein lutherisches Bekenntnis, konnten auch Reformierte dem zustimmen“.

Eine Union von oben, nicht aus den Kirchen

Bickelhaupt benennt aber auch die größte Schwäche der Nassauischen Union: „Es war eine Union von oben.“ Regierungspräsident Ibell führt den Vorsitz der Synode, ein Gutteil des Unionsedikts fließt aus seiner Feder. Die Synodalen nicken nur ab.

Am 11. August 1817 unterzeichnet Herzog Wilhelm das Edikt. „Es sind zwei in unserem Herzogtum mit völlig gleichen verfassungsmäßigen Rechten bisher rezipierte protestantische Landeskirchen zu einer einzigen vereinigt, welche den Namen der Evangelisch-christlichen führt“, steht im ersten Paragrafen der Urkunde. Alle Pfarreien bleiben zunächst unverändert erhalten, auch die beiden Superintendenten, der Lutheraner Georg Müller und der Reformierte Friedrich Gieße, bleiben im Amt. Nach Gießes Tod 1827 wird Müller der erste, der in Deutschland den Titel „Landesbischof“ trägt.

Damit ist die Nassauische Union die erste Vereinigung von Protestanten in einem deutschen Flächenstaat. Die vom Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. angeordnete Kirchenunion von Lutheranern und Reformierten folgte erst am 27. September. Zuvor hatte es zwar schon Vereinigungen gegeben, aber das waren entweder reine Verwaltungsunionen ohne gemeinsames Bekenntnis wie in Bayern 1806 oder nur regionale Zusammenschlüsse wie in Mainz 1802 oder im Saarland 1817.

Informationen

Autor:Nils Sandrisser Quelle:epd Datum:11-08-17
Schlagworte:
Nassauische Union, Geschichtsblatt, Reformierte, Lutheraner

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Durch seine rhetorische und schriftstellerische Gabe sowie seiner charismatischen Persönlichkeit hatte Martin Luther eine große Wirkung auf seine Zeitgenossen.

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Neben Martin Luther ist Johannes Calvin der einflussreichste Reformator. Bis heute ist der Calvinismus eine der weltweit verbreitetsten Strömungen des evangelischen Glaubens.

Huldrych Zwingli

Ermutigt vom Erfolg der Wittenberger Reformatoren kritisierte Zwingli öffentlich die römisch-katholische Kirche. Von 1529 an begann er die Veränderungen radikaler durchzusetzen. Zwingli starb als Feldprediger mit dem Schwert in der Hand.