Chor des St. John’s College Cambridge singt in der Wittenberger Schlosskirche

Ökumenischer und internationaler Höhepunkt des Themenjahrs "Reformation und Musik"

Wittenberger SchlosskircheFoto: EKDIn der Wittenberger Schlosskirche: Michael Wegner (von links), Hanna Kasparick und Reverend Elizabeth Adekunle.Seit den 1670er Jahren singen sie im täglichen Abendgottesdienst der Kapelle des St. John's College in Cambridge. Da in Cambridge gerade vorlesungsfreie Zeit ist, entfällt diese liturgische Aufgabe und so sind die dreißig Jungen und Männer – je zur Hälfte sieben- bis 13jährige Jungen und Collegestudenten – des renommierten Choir of the St. John's College auf internationaler Konzertreise. Am Ostersonntag tauschten sie für den Evensong ihre heimatliche Universitätskapelle gegen die Wittenberger Schlosskirche. Der Evensong, eine musikalische Gottesdienstform aus anglikanischer Tradition, hat sich im Laufe einiger Jahre in der Lutherstadt etabliert.

Im Mittelpunkt steht die Musik von Samuel Sebastian Wesley

Nun bot der Cambridger Chor die Gelegenheit, diese Musik in besonderer Weise authentisch zu erleben. Dazu hatte der Dirigent Andrew Nethsinga vor allem Kompositionen von Samuel Sebastian Wesley aus dem 19. Jahrhundert ausgewählt. Dieser Ostersonntagnachmittag war ein Höhepunkt des Themenjahrs "Reformation und Musik", zu dem die Schlosskirche übervoll war mit Gottesdienst- und Musikliebhabern, die zu einem beträchtlichen Teil auch von auswärts gekommen waren.

Schon im Introitus mit einigen Zeilen aus dem Hohelied Salomos zeigten die Sänger, über welche sängerischen und klanglichen Möglichkeiten sie verfügen: Auf ein kraftvolles, aber unangestrengtes Fortissimo folgte eine innig gesungene Passage von großer Zartheit, ja textlich gebotener Zärtlichkeit. Der Psalm 118 wurde artifiziell rezitativisch wie natürlich artikulierend dargeboten – nicht zu überhören, dass die jungen Sänger ganz im anglikanischen Gottesdienst beheimatet sind, in dem dem Psalmgebet und -gesang eine bedeutende Rolle zukommt. Und wie Konsonanten klingen können, englische zumal! Ganz wunderbar leicht auch in Spitzentönen der ätherisch helle Knabensopran, der durch erwachsene Countertenorstimmen um Klangstärke und ein solides Timbre bereichert wird.

Knaben- und Männerstimmen schwelgten im Klang der Musik

Ein Sopransolo, zu dem dann noch die Jungen des Chorsoprans hinzutraten, sollte später der wohl berührendste Augenblick des Evensongs werden. Mit erstaunlicher Stimmkraft gestaltete der Chor Wesleys Magnificat, die Knaben- und Männerstimmen schwelgten im Klang, mächtige Akkorde, aus denen der Komponist eine Klangkathedrale errichtete. Nethsingas überaus freundliches und zwingendes Dirigat verhalf den jungen Choristen hier zu eindrücklicher Souveränität.

Um darzustellen, dass der Chor stellvertretend für die Gemeinde singt, stand diese während des Chorgesangs. Am Ende fanden sich Chor und Gemeinde zusammen als "choirs of new Jerusalem", die "in strains of holy joy" vom "Paschal victory" sangen, bevor zum Ausgang der Organist mit Bachs Piece d'Orgue BWV 572 einen würdigen Schlusspunkt setzte.

Osterkantate: "Bleib bei uns, Herr, denn es will Abend werden"

Wer aus Gemeinde und Publikum es einrichten konnte, kam am nächsten Tag zum Kantatengottesdienst, um die klangschönen Männerstimmen nochmals zu hören in Bachs Osterkantate "Bleib bei uns, Herr, denn es will Abend werden" und Vivaldis Magnificat. Dabei wurden die englischen Gäste von den Instrumentalisten eines Barockensembles aus Dresden begleitet.