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Internet, Fernsehen, Smartphone – die Digitalisierung erlaubt uns jeden Tag, zu jeder Minute einen Blick auf die andere Seite der Erde zu werfen. Ein Brand in einem chinesischen Lagerhaus, ein verschneiter Lutherbotschafter am Michigansee, der Ausbruch eines Vulkans auf Island oder einfach nur das lächelnde Gesicht eines Kindes in den Favelas – mit einem Mausklick können wir am täglichen Weltgeschehen teilnehmen. Der globale und rasche Austausch von Nachrichten, Bildern und Kommentaren schafft eine Gleichzeitigkeit und eine Nähe zu beinahe jedem Ereignis auf dem Erdball. Durch die zunehmenden politischen, gesellschaftlichen und ökologischen Verflechtungen wächst die Welt immer weiter zusammen. Das finale Themenjahr der Lutherdekade, sozusagen der Vorabend des Reformationsjubiläums, steht deshalb ganz im Zeichen dieser besonderen, unseren Welt.

Die Reformation als Weltbürgerin

Das Themenjahr Reformation und die Eine Welt“, das am 31. Oktober im französischen Straßburg eröffnet wurde, rückt die globale Dimension der Reformation in den Mittelpunkt. Obwohl Martin Luther nicht die ganze Welt bereiste und seine Thesen sicherlich nicht an jede Kirchentür geschlagen hat, war die Reformation kein lokal begrenztes Ereignis. Im Gegenteil: Wenn auch der entscheidende Impuls von Wittenberg ausging, so gab es in anderen Städten und Regionen Europas gleichfalls eigene reformatorische Bewegungen, die wiederum auf dem Gedankengut und den Leistungen des Humanismus aufbauten. Man denke nur an Huldrych Zwingli in Zürich und Johannes Calvin in Genf, an den Lutherschüler Mikael Agricola in Finnland oder den wichtigen Wegbereiter der Reformation, Jan Hus in Tschechien – sie und noch viele andere stehen beispielhaft für die Reformation als Weltereignis.

Die Reformation revolutionierte nicht nur das geistliche Leben, sondern stieß auch eine umfangreiche gesellschaftspolitische Entwicklung an. Das Wirtschaftsleben wurde dynamisiert und die Weltauffassung – nicht zuletzt in Konfessionen – pluralisiert. Die Trennung von Staat und Kirche oder das Entstehen von Bürgerrechten, die unabhängig von Glauben, Geschlecht und Volkszugehörigkeit jedem Menschen zukommen, sind ebenfalls Nachwirkungen der Reformation. Diese Erkenntnisse bzw. Errungenschaften haben sich in unterschiedlichem Maße global verbreitet. Heute verbinden über 400 Millionen Protestanten weltweit ihre geistig-religiöse Existenz mit dem reformatorischen Geschehen. Das Reformationsjubiläum 2017 wird daher – anders als alle Luther- und Reformationsjubiläen bisher – in globaler Gemeinschaft von Feuerland bis Finnland, von Südkorea bis Nordamerika gefeiert.

Eine reformatorische Verantwortung – auch heute noch

Aber es sind nicht nur die humanistischen und später reformatorischen Befürworter, die eine überregionale Entwicklung der Ideen Martin Luthers auslösten und die Reformation als Weltbürgerin wirken lassen. Es ist vielmehr die reformatorische Verantwortung, die weiterhin aktuell bleibt. Auch wenn die Welt uns näher scheint als je zuvor, bleiben Armut, Ungleichbehandlung und Not für unzählige Menschen dieser Erde tägliche Begleiter. So gilt auch, fast 500 Jahre nach dem vermeintlichen Thesenanschlag Luthers, immer noch das Ethos – bewusst machen, aufklären und aufbegehren. 

Mögen sich auch die Themen verändert haben, stehen wir doch vor neuen Aufgaben. Ob die Auseinandersetzung mit dem Klimawandel, eine verbesserte Flüchtlingspolitik, der notwendige Dialog zwischen den Religionen; reformatorisch handeln, heißt gemäß dem 21. Jahrhundert auch, die Vielfältigkeit des Menschseins anzunehmen und gegen Intoleranz, Hass und Fundamentalismus aufzubegehren. Und diese Akzeptanz der Verschiedenheit von Sprachen, Umwelt und kulturellen Kontexten gilt es auch weiterhin im Sinne reformatorischer Handlungsabsichten auszubilden. Es gibt keine globale Theologie, keine einheitliche Weltanschauung. Aber mit kritischen Fragen an sich und die Welt, könnten die reformatorischen Ideen aktueller nicht sein.


Das Programmheft zum Themenjahr steht auf der Seite als PDF-Download zur Verfügung.

Essaywettbewerb „Die Macht der Worte“

Im Rahmen des Essaywettbewerbs „Die Macht der Worte“ soll der Einfluss Martin Luthers auf die Deutsche Sprache, deren Wandel in Zeiten der Informationsflut und ihr Einfluss auf unser Handeln untersucht werden.

Schreibwettbewerb zum Reformationsjubiläum gestartet

Der Evangelische Kirchenkreis Wittenberg hat einen Schreibwettbewerb zum 500. Reformationsjubiläum unter dem Motto „Sola Scriptura 2017“ gestartet.

Call for Papers

Anlässlich des Reformationsjubiläums 2017 ruft der Wissenschaftliche Beirat junge WissenschaftlerInnen zu einem Call for Papers auf.

Die Liste der einzelnen Artikel finden Sie hier

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