"Jesus Christus ein geborener Jude" - Martin Luther und die Juden

Toleranz und Antijudaismus in Worten und Schriften des Reformators

DavidsternFoto: iStockphoto DSNRDer Davidstern ist ein Symbol des Judentums.Noch im Jahr 1523 forderte Luther dazu auf, die Juden in Deutschland "nicht wie Hunde“, sondern freundlich zu behandeln. 1543, also 20 Jahre später, verfiel er wieder in die alten üblen Ressentiments und gab schreckliche Ratschläge: "Man soll ihre Synagogen mit Feuer anstecken und ihre Häuser zerstören.“ - Was war in den Reformator gefahren?

Wenn von Luther und den Juden die Rede ist, geht es meist um seine späten Schriften, in denen er den Regierenden Ratschläge erteilte, die jüdischen Synagogen zu zerstören, den Juden ihre Bücher zu verbrennen und sie selbst zu körperlicher Arbeit zu zwingen oder sie aus dem Land zu vertreiben.

Das klingt aus heutiger Sicht so unerträglich, dass man sich fast wünscht, Luther wäre ein paar Jahre früher gestorben – dann bliebe man als Protestant nicht mit der Scham und Ratlosigkeit zurück, wie diese Äußerungen mit Luthers anderen Schriften, seiner Entdeckung des Evangeliums und den profunden Bibelauslegungen zu vereinbaren sind.

Schroffe Absage an das Judentum

Titelblatt der Schrift von Martin Luther: Von den Juden und ihren LügenFoto: wikipedia by Martin LutherTitelblatt der Schrift von Martin Luther: Von den Juden und ihren Lügen, (1543).Von daher ist es richtig, sich von diesen Aussagen Luthers zu distanzieren. Aber das kann nicht alles sein, was dazu zu sagen ist. Es erhebt sich doch die Frage: Wie kam Luther zu dieser schroffen Absage an das Judentum und zu Ratschlägen, die so erschreckend dem ähneln, was der Nationalsozialismus dann an den Juden verübte?

Um Luther wenigstens ansatzweise zu verstehen, muss man ihn auf dem Hintergrund seiner Zeit sehen, nicht etwa von den Erfahrungen unseres Jahrhunderts her, die er natürlich noch nicht haben konnte. Seine antijüdischen Äußerungen standen im Zusammenhang mit dem allgemeinen christlichen Antijudaismus des Mittelalters seit den Kreuzzügen. Wir finden Ähnliches und noch viel Krasseres auch bei seinen Gegnern, beispielsweise bei Johannes Eck aus Ingolstadt. Nicht einmal ein Mann, der so sehr für religiöse Toleranz steht wie Erasmus von Rotterdam, war frei davon. Es handelte sich dabei auch nicht um eine spezifisch deutsche Angelegenheit. Die Länder Westeuropas hatten schon in den Jahrhunderten vorher alle Juden aus ihren Gebieten vertrieben, während Juden im Heiligen Römischen Reich noch unter dem Schutz des Kaisers leben konnten. Allerdings hatte sich ihre Lage hier seit 1492 durch den starken Zustrom aus Westeuropa deutlich verschlechtert.

Persönliche Erfahrungen

Luthers Äußerungen wurden auch geprägt von schlechten Erfahrungen, die er persönlich mit Juden gemacht hatte, ebenso wie durch Verleumdungen, die der jüdische Konvertit Pfefferkorn über seine Landsleute und deren Religion in die Welt setzte. Zudem hatte es in Böhmen jüdische Missionsversuche unter Christen gegeben, die dazu führten, dass Christen sich beschneiden ließen und den Sabbat feierten. Nimmt man noch die schwierige Situation der evangelischen Kirche in den 40er Jahren, das Alter Luthers mit seinen vielen gesundheitlichen Leiden und Beschwerden, sowie seine Endzeitstimmung, so findet man eine Menge Gründe, die solch schrille Töne bei ihm zwar nicht rechtfertigen, aber verständlicher erscheinen lassen.

Doch mit seinen bösen späten Schriften ist keineswegs alles erfasst, was Luther über die Juden geschrieben und gesagt hat. Wenn man ihm gerecht werden will, muss man auch eine Schrift aus der frühen Zeit der Reformation berücksichtigen, in der er ganz andere Töne anschlägt. 1523 bekennt er sich ausdrücklich zur jüdischen Abstammung Jesu und damit zu den jüdischen Wurzeln des christlichen Glaubens: "Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei“.

„Ketzer zu verbrennen ist wider den Heiligen Geist“

Durch seine Erfahrung der Liebe Gottes, die ihm im Evangelium aufgegangen war, erkannte Luther, wie völlig unevangelisch und unchristlich bis dahin im Abendland mit den Juden verfahren worden war. Der Zwang zur Konversion, den man vielerorts auf Juden - oft unter Todesdrohung - ausgeübt hatte, widerspricht der Haltung Christi, denn in seiner Kirche soll alles geschehen "non vi, sed verbo“ (nicht mit Gewalt, sondern durch das Wort), das heißt durch freie Predigt und geistige Überzeugung. Es ist nicht die Art Christi, die Widerstrebenden zu töten, denn "Ketzer zu verbrennen ist wider den Heiligen Geist“ (Luther).

Luther versetzt sich selbst in die Lage der Juden im Abendland und räumt ein: "Denn unsere Narren, die Päpste, Bischöfe, Sophisten und Mönche, die groben Eselsköpfe, sind bisher also mit den Juden verfahren, dass, wer ein guter Christ gewesen wäre, wohl ein Jude hätte werden mögen. Und wenn ich ein Jude gewesen wäre und hätte gesehen, dass solche Tölpel und Knebel den christlichen Glauben regieren und lehren, so wäre ich eher eine Sau als ein Christ geworden.“ Luther möchte, dass das Verhalten der Christen zu den Juden von nun an vom Evangelium geprägt sei.

Kein Wunder, dass diese Schrift bei den Juden eine weite Verbreitung fand und große Hoffnungen auf eine Verbesserung ihrer Lage weckte. Umgekehrt hegte auch Luther Hoffnung in Bezug auf die Juden. Er äußerte in seiner Schrift die Erwartung und schrieb sie in der Absicht, "ob ich vielleicht auch der Juden etliche möchte zum Christenglauben reizen“. Er verstand durchaus, dass früher nur wenige Juden Christen wurden. Mit der Wiederentdeckung des Evangeliums hoffte er zuversichtlich, dass das nun anders werde.

Friedliches Nebeneinander unvorstellbar

Diese Hoffnung erfüllte sich jedoch nicht. Manche meinen, dass die spätere Schärfe und Verbitterung Luthers sich auch aus der Enttäuschung über die ausgebliebene Bekehrung der Juden sich ergeben habe. Doch diese Erklärung scheint mir zu sehr an der Oberfläche zu bleiben. Man hält dabei Luther für ziemlich naiv und liest ihn ungenau. Immerhin schreibt er nur von "etlichen“, die er bestenfalls zum christlichen Glauben "reizen“ möchte. Er sagt daneben ausdrücklich, dass man diejenigen, die nicht kommen, gewähren lassen solle.

Mit der geschichtlichen Beschreibung der Haltung Luthers zu den Juden aber sind noch nicht die theologischen Fragen erörtert, und die machen bei Luther immer die Hauptsache, das Herzstück seines Denkens aus, ohne das er nicht wirklich zu verstehen ist. Aus der Mitte seiner Theologie heraus – aufgrund der Rechfertigungslehre – empfand Luther die Fortexistenz des jüdischen Glaubens mitten in der Christenheit als eine permanente, provozierende Infragestellung des christlichen Glaubens an Jesus Christus, den Heiland aller Menschen, die in seinen Augen die öffentliche Ordnung bedrohte. Ein friedliches Nebeneinander verschiedener Religionen in einem Gemeinwesen erschien ihm - wie fast allen Menschen damals - unvorstellbar. Darum rief er die Obrigkeit dazu auf, dem ein Ende zu bereiten durch die Vertreibung der Juden aus Deutschland, wie das in den westeuropäischen Ländern schon geschehen war.

Kein Landesherr folgte dem Rat Luthers

Glücklicherweise blieb diese Aufforderung wirkungslos. Kein Landesherr folgte dem Rat Luthers. Überhaupt gerieten seine Altersschriften zum Thema Judentum bald in Vergessenheit, wurden selten gedruckt und noch seltener gelesen. Wo sie überhaupt zur Kenntnis genommen wurden, kritisierte man sie seit dem 18. Jahrhundert in seiner eigenen Kirche ausdrücklich. Es blieb dem Nationalsozialismus überlassen, sie wieder auszugraben und als vermeintliche Schützenhilfe für seinen Antisemitismus zu verbreiten. Dabei ist auf einen entscheidenden Unterschied zwischen Luther und dem nationalsozialistischen Antisemitismus hinzuweisen: Luther hat niemals dazu aufgefordert, Juden zu töten!

Wenn man versucht, Luthers Verhalten zum Judentum auf dem Hintergrund seiner Zeit und seiner Theologie zusammenfassend zu beurteilen, muss man differenzieren: Luther blieb dem Judentum gegenüber seinem eigenen Ansatz der Gewaltlosigkeit in Glaubensdingen nicht treu. Hier hat er sein "non vi, sed verbo“ nicht durchgehalten. Er beließ es nicht bei der geistigen theologischen Auseinandersetzung, sondern wollte dem Widerspruch des Judentums gegen den christlichen Glauben mit Gewalt ein Ende bereiten lassen. Das ist umso bedauerlicher, widersprüchlicher und unverständlicher, als die Reformation der Papstkirche gegenüber genau dieselbe Glaubensfreiheit immer wieder für sich selbst einklagte. Insofern ist Luther hier scharf zu kritisieren.

Andererseits war das theologische Streitgespräch um die rechte Auslegung des Alten Testamentes, das Luther mit dem Judentum führte, durchaus legitim, ja geradezu notwendig. Für uns heute, die wir vom modernen Wahrheitsrelativismus angesteckt sind, kann Luther hierin sogar als Vorbild dienen. Er wusste, was er glaubte und war bereit, dafür zu kämpfen und es gegen alle möglichen Einwände und Bestreitungen zu verteidigen. "Spiritus Sanctus non est scepticus“ (Der Heilige Geist ist kein Skeptiker), schrieb Luther an Erasmus. Das war bei dem Reformator nicht Ausdruck von Streitlust oder Rechthaberei, sondern der Glaubensgewissheit, für die im Glauben nicht alles möglich, nicht alles gleichermaßen wahr, nicht alles gleich gültig und darum gleichgültig ist.


Hanns Leiner ist evangelischer Pfarrer und Studiendirektor im Ruhestand. Er hat 30 Jahre lang als Religionslehrer am Gymnasium gearbeitet und ist heute als Prediger und Referent in der Kirche aktiv. Hanns Leiner ist Autor des Titels "Luthers Theologie für Nichttheologen" (Verlag für Theologie und Religionswissenschaft VTR) der als Serie auch im Sonntagsblatt erschienen ist.