Familie Luther in den Suppentopf geschaut

Lutherarchäologie birgt und deutet Zeugnisse aus dem Alltag des Reformators

Arbeit am Fragment eines HandwaschbeckensFoto: epd-bild/Steffen SchellhornRestaurator Christian-Heinrich Wunderlich arbeitet am Fragment eines Wandbrunnens, der bei Ausgrabungen in Wittenberg geborgen wurde. Weit mehr als eine Durchgangsstation waren die Städte Mansfeld und Wittenberg im Leben Martin Luthers. Während der Reformator in Mansfeld seine Kindheit verbrachte, war Wittenberg der Wohnsitz der Familie Luther, die der Reformator 1425 mit der ehemaligen Nonne Katharina von Bora gründete. Es liegt in der Natur der Sache – oder genauer gesagt der Sachen, der stofflichen Dinge – dass die Familien Luther bzw. Luder, wie Luthers Elternhaus hieß, hier Spuren hinterlassen haben.

Alltagswelten jenseits historischer Überlieferung

Archäologische Zeugnisse bieten oftmals ein objektives Korrektiv gegenüber den subjektiven  historischen Schriftquellen. Zugleich beleuchtet die Archäologie die unbekannten Alltagswelten einer Zeit, die in den historischen Überlieferungen nicht vorkommen. Die archäologischen Grabungen, die in den Jahren 2003 bis 2006 in Mansfeld und Wittenberg durchgeführt wurden, öffneten tatsächlich ganz neue Türen zur Biografie Martin Luthers ... und das ganz wörtlich: Zeichneten sich in Mansfeld erstmals die wahren Ausmaße des stattlichen väterlichen Anwesens ab, in dem Luther aufwuchs, so wurde in Wittenberg das  Studierzimmer wiederentdeckt, in dem Luther seine grundlegenden Schriften verfasste – sozusagen die räumliche Keimzelle der Reformation,  

Luthers Elternhaus in MansfeldFoto: Stadtinfo MansfeldMartin Luthers Elternhaus in Mansfeld.Den archäologischen Arbeiten an diesen Lutherstätten folgten bald auch weiterführende umfangreiche Forschungen: So wurde etwa bislang unbeachtetes Urkundenmaterial zur Lutherfamilie ausgewertet, die erhaltene Bausubstanz der Lutherzeit erneut kritisch unter die Lupe genommen und das Fundmaterial von Botanikern, Zoologen, Textil- , Keramik- und Metallspezialisten analysiert. Die gesammelten Erkenntnisse bildeten die Grundlage der Landesausstellung "Fundsache Luther“ im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle (2008/09). Doch diese Untersuchungen konnten nicht alle der neu aufgeworfenen Fragen klären. Dank der finanziellen Förderung seitens des Bundesministeriums für Finanzen sowie des Ministeriums für Finanzen des Landes Sachsen-Anhalt bleiben diese offenen Fragen nicht im Dunkeln. Seit Juni 2010 läuft das auf vier Jahre angelegte Projekt "Lutherarchäologie“ am Landesmuseum für Vorgeschichte Halle und führt die interdisziplinären Forschungen rund um die "Fundsachen Luther“ fort.

Am Anfang war die Abfallgrube

Ganz zufällig war man 2003 auf eine im frühen 16. Jahrhundert mit häuslichem Abfall aufgefüllte Grube an Luthers Elternhaus in Mansfeld gestoßen. Die Gegenstände, die man aus dieser „Fundgrube“ zutage förderte, erlaubten einen Blick in die Lebensverhältnisse des jungen Martin Luther und seiner Familie, wie er bis dahin noch nicht möglich gewesen war. Luther selbst hatte von finanziell bescheidenen Anfängen des Vaters gesprochen. Im Gegensatz dazu erscheint das Anwesen der Familie Luther als stattlicher Vierseitenhof, von dem das bislang als "Luthers Elternhaus“ bekannte Gebäude nur einen kleinen Teil ausmachte.

Buntglasierte Ofenkacheln Foto: LDA Sachsen-Anhalt/Juraj LiptákBuntglasierte Ofenkacheln eines Prunkofens aus dem Lutherhaus in Wittenberg, erste Hälfte 16.Jh. Nur wenige Einwohner Wittenbergs konnten sich derartig farbenfrohe Kachelöfen leisten.Zudem fand man neben hochwertigen Tafelservicen auch metallische Applikationen aufwändiger Frauentrachten – Verzierungen von Gürteln oder Borten, Silbermünzen, knöcherne Messergriffe und Kinderspielzeug, mit dem vielleicht schon der kleine Martin Luther, sicher aber seine jüngeren Geschwister spielten.

Dass diese teils recht wertvollen Stücke – damals durchaus nicht für alle Zeitgenossen erschwinglich – zusammen mit Küchenabfällen und zerbrochenem Geschirr entsorgt worden waren, hatte möglicherweise mit einem Krankheitsfall im Hause Luther zu tun. Vermutlich führte der Tod von Familienmitgliedern Luthers an der Pest dazu, dass man die Gegenstände, die die Kranken umgaben, zur Sicherheit verbrannte und anschließend vergrub.

Speisezettel der Familie Luther

Aufschlussreich war die Abfallgrube auch im Hinblick auf die Ernährungsgewohnheiten der Zeit: Botanische Speisereste und Tierknochen werfen ein Licht auf den Speisezettel der Lutherfamilie im frühen 16.Jahrhundert. Im Hause Luthers kam demnach oftmals Fleisch von jungen Schweinen und Rindern sowie viel Fisch auf den Tisch. Als Delikatesse, für uns heute eher verwunderlich, galten gebratene Singvögel, die man – die gefundenen Lockpfeifen belegen dies – selbst erjagte.

Weitere Einsichten in den Luther’schen Haushalt erlaubte eine Grabung in einem aufgefüllten Erdkeller im Inneren des so genannten Lutherelternhauses im Sommer 2008. Hier erschlossen die Archäologen einen vergleichbaren Querschnitt durch den Haushalt von Martin Luthers Bruder Jakob, der den Betrieb und das Haus des Vaters 1530 übernommen hatte, wirtschaftlich aber weit weniger erfolgreich war. Die Beschaffenheit des Bodens war günstig für den Erhalt organischer Materialien, so dass hier neben Küchengeschirr und Ofenkeramik auch ein reich verzierter Ledergürtel und ein Lederschuh geborgen werden konnten.

Die Auswertung dieser archäologischen Forschungen in der Lutherstadt Mansfeld beschäftigt die Lutherarchäologie nach wie vor. Dafür waren weitere Untersuchungen im Stadtgebiet Mansfeld erforderlich, um die Ergebnisse im räumlichen Kontext und im sozialen und kulturellen Zusammenhang angemessen zu bewerten. Grundlage dieser Arbeiten ist ein Kellerkataster der Mansfelder Altstadt, das im Rahmen zweier wissenschaftlichen Qualifizierungsarbeiten in Zusammenarbeit mit der TU Berlin erstellt wurde.

Mansfelds Bauboom in der frühen Neuzeit

Dank dieses Kellerplans sowie der archäologischen Untersuchungen der Lutherstraße im Zuge von Kanalarbeiten in den Jahren 2002 bis 2003 liegt ein Querschnitt durch die städtische Bebauung Mansfelds in der Frühen Neuzeit vor. Daran sind die grundlegenden strukturellen Veränderungen im beginnenden 16. Jahrhundert gut erkennbar. Der damals florierende Kupferbergbau hatte in der Frühen Neuzeit einen Bauboom ausgelöst, der deutliche Spuren hinterlassen hat und das Stadtbild bis heute prägt.

Kellermauern des ehemaligen Gasthofs „Goldener Ring“Foto: LDA Sachsen-Anhalt/Ines VahlhausKellermauern des ehemaligen Gasthofs „Goldener Ring“ in Mansfeld aus dem frühen 16.Jahrhundert.Hinzu kommen die Ergebnisse der archäologischen Untersuchung am Standort des lutherzeitlichen Gasthofes "Goldener Ring“ in den Jahren 2010 und 2011, die Einblicke in die Bebauung nahe der südöstlichen Stadtmauer boten. Das Füllmaterial einer Latrine enthielt nicht nur eine Vielzahl lutherzeitlicher Trinkgläser, Kochkeramik und anderer Kleinfunde, sondern ermöglicht, wie schon die Grube am Lutherelternhaus, aus den Funden von Nahrungsresten Rückschlüsse auf die Speisegewohnheiten des 16. Jahrhunderts. All diese Grabungsergebnisse werden derzeit umfassend ausgewertet und anschließend publiziert.

Zeugnisse des durch Luther erblühenden Buchrucks

Im Blickpunkt des Projekts "Lutherarchäologie“ stehen zudem auch die Hüttenplätze und Abbaugebiete der Familie Luther im Mansfelder Land. Derzeit werden interdisziplinäre Arbeiten vorbereitet, um unter anderem die Standorte am Oberen Raben zwischen Mansfeld und Vatterode und am Goldgrund bei Wimmelburg zu lokalisieren und gegebenenfalls auszugraben. Deren Lage ist zwar über die schriftliche Überlieferung grob bekannt, über die genauen Strukturen und Ausmaße weiß man jedoch bislang nur sehr wenig.

Insbesondere die historischen Überlieferungen zu den Hüttenmeistern im Mansfelder Land, wie etwa die kaum ausgewerteten Rechnungsbücher der Mansfelder Grafen, werden derzeit neu bearbeitet, allen vorweg die Materialien zum Vater des Reformators, Hans Luder.

Und auch die Lutherstadt Wittenberg birgt noch viel Arbeit für die Archäologen. Im heutigen Altstadtbereich fanden in den letzten zwei Jahrzehnten fast einhundert kleinere und größere Ausgrabungen statt. Die Grabungsergebnisse und das dabei gewonnene vielfältige Fundmaterial, das zu einem Großteil aus dem 16. Jahrhundert stammt, sind bisher kaum ausgewertet und publiziert worden. Unter anderem fand man auf dem Arsenalplatz in Wittenberg Drucklettern aus Blei, Zeugnisse des durch Luthers Schriften erblühenden Buchdrucks. So entwickelt sich das lutherzeitliche Wittenberg - dank des Projektes "Lutherarchäologie“ und in Kooperation mit dem an der LEUCOREA Wittenberg angesiedelten Forschungsprojekt "Das Ernestinische Wittenberg“ - derzeit zu einer der am besten untersuchten Städte der Frühen Neuzeit.

Luthers Studierzimmer – mit eigener Latrine – wiederentdeckt

Gerade die Ausgrabungen am "Schwarzen Kloster“, wo Luther zunächst als Mönch und nach seiner Heirat mit Katharina von Bora mit seiner Familie lebte, bieten – in der Zusammenschau mit dem Familiensitz in Mansfeld – einen guten Überblick über die Lebensumstände des Reformators. Die 2003 und 2004 dort geborgenen umfangreichen Funde von aufwändigen Ofenkacheln, kostbarem Tafelgeschirr und weiterem Hausrat zeugen von einem nahezu fürstlichen Lebensstandard des Lutherhaushaltes. Unterschiedliche Schreibgeräte wiederum deuten auf einen bedeutenden Gelehrtenhaushalt.

Luthers ArbeitszimmerFoto: LDA Sachsen-Anhalt/Juraj LiptákIm turmartigen Anbau des Lutherhauses Wittenberg, dessen Fundamente 2004/05 ausgegraben wurden, befand sich einst Luthers Arbeitszimmer. Der sogenannte Standerker besaß neben einer Warmluftwandheizung auch eine eigene Toilette.Doch nicht nur die reichhaltigen Funde, auch die hier entdeckten Baustrukturen sorgten für eine Überraschung. Bei dem hier wiederentdeckten Turmfundament handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um die Reste des Ortes, wo Luther um 1517 seine "reformatorische Wende“ erlebte: sein Studierzimmer – mit eigener Latrine.

Dank des guten Zusammenspiels der Projektbeteiligten und Fachkollegen unterschiedlicher Disziplinen ergibt sich schon jetzt ein beachtenswerter Projektzwischenstand, der in den kommenden zwei Jahren durch weitere Forschungstätigkeit seine Fortführung und Ergänzung finden wird. Die Erträge der verschiedenen Teilprojekte münden in eine eigene Publikationsreihe zur Lutherarchäologie. Langfristig jedoch werden die Resultate des Projektes auch eine wichtige Grundlage künftiger musealer Konzeptionen im Vorfeld des Reformationsjubiläums 2017 und darüber hinaus bilden. Bereits jetzt werfen die für den Herbst 2013 geplante Eröffnung des neuen Museums zum Elternhaus Martin Luthers in Mansfeld, wo viele der aufsehenerregenden Funde der Mansfelder Grabungen ihren künftigen Platz finden werden, ihre Schatten voraus. Eine kleine Vorschau hierzu ist heute schon in der Mansfelder Stadtinformation zu sehen.


Mirko GutjahrFoto: privatMirko GutjahrDer Archäologe Mirko Gutjahr ist wissen-schaftlicher Leiter des Projekts "Lutherarchäologie“ am Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt/Landesmuseum für Vorgeschichte. An der Ausstellung "Fundsache Luther" hat er als Kurator mitgearbeitet.