"Befiehl Du Deine Wege": Pilgern auf dem Lutherweg Sachsen-Anhalt

410 Kilometer unterwegs entlang der Schauplätze der Reformation

LutherwegFoto: epd-bild/ Steffen SchellhornDie Kirche von Wohlsdorf bei Köthen in Sachsen-Anhalt ist eine Station auf dem Lutherweg.Auf dem Lutherweg in Sachsen-Anhalt kann man sich auf die Spuren des Reformators begeben: Von Wittenberg nach Eisleben und über Halle (Saale) zurück in die Lutherstadt an der Elbe führt die 410 Kilometer lange Tour. Eine Strecke, an der man jede Menge Wissenswertes über das Schaffen und Leben Martin Luthers erfahren und Menschen, Landschaften und Sehenswürdigkeiten des Bundeslandes im Osten Deutschlands kennenlernen kann.

"Protestantismus hat im Pilgern eine neue Liebe gefunden"

Es war das Jahr 1511 als Martin Luther seine Reise nach Rom unternahm. Ein Aufenthalt in der katholischen Metropole, nach der der Theologe sich in seiner Ansicht bestärkt sah, dass das Pilgern und das mit Ablässen verbundene Wallfahrten "Narrenwerk" seien. Über das nach Jerusalem und Rom seit dem Mittelalter bedeutendste Pilgerziel Santiago de Compostela am Ende des Jakobswegs schrieb er gar: "Lauf nicht dahin, man weiß nicht, ob Sankt Jakob oder ein toter Hund daliegt."

Doch seitdem sind mehr als 500 Jahre vergangen, und der Protestantismus hat, wie Pfarrerin Dorothea Hillingshäuser auf der Homepage der Evangelischen Kirche Hessen und Nassau schreibt, "im Pilgern eine neue Liebe gefunden." Heute trägt eine Pilgerstrecke sogar den Namen des Reformators: der 410 Kilometer lange Lutherweg. Er führt vom Zentrum der Reformation in Wittenberg zur Geburts- und Sterbestadt des Kirchenerneuers nach Eisleben.

Gen Osten geht der Weg von dort weiter nach Mansfeld oder gen Westen über Halle (Saale), Bitterfeld und Kemberg zurück nach Wittenberg. "Ich begrüße es sehr, dass die 40 Stationen auf diesem reformatorischen Pilgerweg Martin Luthers Freiheit aus Glauben und seine Verantwortung für die Welt auf neue Weise lebendig werden lassen", sagt der Schirmherr des Lutherwegs, Bischof Wolfgang Huber, früherer Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Die Schlosskirche zu Wittenberg ist Auftakt des Pilgerwegs

Gewiss, die Schlosskirche zu Wittenberg, an deren Tür Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen genagelt hat, ist zum Auftakt des Pilgerwegs eine der bedeutendsten Stationen.

Thesentür der Wittenberger SchlosskircheFoto: Lutherstadt WittenbergHier fing alles an: Thesentür der Wittenberger Schlosskirche.Zumal der Reformator ebenso wie sein Freund und Mitstreiter Philipp Melanchthon dort lange gelebt haben. Aber wer kennt das Eremitenkloster in der Collegienstraße, in dem der Augustinermönch Luther von 1508 bis 1546 lebte? Wer die Stadtkirche oder das Melanchthon-Haus, den dreigeschossigen Renaissancebau nur wenige Schritte weiter, den sein Freund Melanchthon  bewohnte? Für Wittenberg lohnt es sich allemal einen Besichtigungstag vor dem Start auf dem Pilgerweg einzuplanen – nicht nur wegen der seit 1996 zum Unesco-Welterbe gehörenden Sehenswürdigkeiten.

Dessau – ein Name, der mit der Bauhauskultur verbunden ist. Indes: In der St. Petri-Kirche, mitten im Dessau-Wörlitzer-Gartenreich gelegen, predigte Luther schon im Jahr 1532. Das Gartenreich, ebenfalls Unesco-Welterbe, im 18. Jahrhundert angelegt von Franz von Anhalt-Dessau ist mit seinen klassizistischen Schlössern Luisium und Georgium, dem Park Großkühnau und dem Rokokoensemble Mosigau scheint's ein Park von "unendlicher Weite".

An der nächsten Station des Lutherwegs Dessau-Roßlau lohnt neben dem Besuch des Johannbaus, des Palais Dietrich und des Georgiums ein Blick in die St. Johannis-Kirche, beherbergt das Gotteshaus doch drei Tafelgemälde aus der Cranach-Werkstatt.

Das Geburtshaus des Reformators in Eisleben

Und weiter geht es auf dem Weg – über Zerbst nach Steckby zur Radfahrerkirche St. Nicolai, vorbei an der Bach-Gedenkstätte in Köthen zum Schloss Bernburg. In Unterrißdorf erreicht man die "Kalte Stelle". Über sie vermerkte Luther an seine Frau Katharina im Februar 1548, "dass ihm das Herz zu Eis gefror" und er "kranck ward ym einfahren." Nach wenigen Kilometern erreicht der Pilger die Stadt Eisleben, in der Martin Luther am 10. November 1483 geboren wurde. Auch hier trifft er auf ein Unesco-Welterbe: das Geburtshaus des Reformators.

Das Gebäude in der Lutherstraße 15 beherbergt die Dauerausstellung "Von daher bin ich – Martin Luther und Eisleben." Und von daher ging er: Denn in Eisleben erinnert eine Gedenkstätte an den letzten Aufenthalt Martin Luthers. Am Andreaskirchplatz 7 befindet sich sein Sterbehaus.

Doch der Pilgerweg, der Luthers Namen trägt, führt noch weiter: zu seinem Elternhaus in Mansfeld, zur Marktkirche Unsere liebe Frau, in der eine Totenmaske Luthers verwahrt wird. Schließlich auf dem Hauptweg bis zur St. Marien-Kirche in Kemberg. In der Gemeinde lebte Anfang des 16. Jahrhunderts der Propst Bernhardi. Der Freund Luthers war 1521 der erste Geistliche, der eine Frau ehelichte.

Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens

Die Liste der Kirchen auf dem Lutherweg in Sachsen-Anhalt ist auch von Eisleben zurück nach Wittenberg noch lang. Ob nach dem Besuch in einer Kirche oder auf einer Station auf dem Pilgerweg: Die Menschen sollen ins Gespräch kommen über die Reformation, die, so Wolfgang Huber, "den kirchlichen und den gesellschaftlichen, den politischen und den kulturellen Raum geprägt hat." Auch den der Gemeinde Gräfenhainichen, 25 Kilometer südlich von Wittenberg. In ihr wurde der neben Luther bekannteste evangelische Kirchenliederdichter Paul Gerhardt geboren. Aus seiner Feder stammt die Zeile "Befiehl Du Deine Wege". Eine Aufforderung, der sich heute auch Menschen auf dem Lutherweg anschließen können, die auf der Suche nach dem Sinn ihres Lebens sind – auch ohne einer Konfession anzugehören.