"Die spirituelle Kraft der Musik bindet die Menschen"

"366+1" erklingt in ganz Deutschland und 367 Gemeinden machen mit

Alte Kirche in NordhornFoto: Winfried Dahlke und Ulf PreussIn der Alten Kirche in Nordhorn singen zwei vierstimmige Chöre die Motette “Jauchzet dem Herrn alle Welt” von Heinrich Schütz. Im Jahr der Kirchenmusik erklingt täglich ein Konzert in einer anderen evangelischen Kirche in Deutschland. Klaus-Martin Bresgott, Verantwortlicher des ehrgeizigen Projektes "366+1, Kirche klingt 2012", zieht im Gespräch mit luther2017 Halbzeitbilanz und verrät die Höhepunkt der wandernden Veranstaltungsreihe.

luther2017.de: Die Konzertreihe "366+1, Kirche klingt 2012" läuft seit Anfang des Jahres. Welche Idee steckt dahinter?

Klaus-Martin Bresgott: Die Idee für "366+1, Kirche klingt 2012" entspringt der Erfahrung, dass an jedem Ort in Deutschland viele Menschen singen und musizieren und viele Gottesdienste und Konzerte erklingen. Aber jeder tut dies in der Regel nur für sich oder seine Gemeinde. Die Idee war nun, diese Gemeinden miteinander zu verbinden, um ein gegenseitiges Hören und Inspirieren zu ermöglichen. Mit unserer Konzertreihe lassen wir dieses Klingen im Land zu einem Klingen durchs Land werden.

Was sind die Höhepunkte der Veranstaltungsreihe?

Bresgott: Die Reihe selbst ist ein Höhepunkt. Sie ist darum weniger auf große Highlights als auf das authentische musikalische Miteinander überhaupt ausgerichtet. Wesentlich ist das verbindende Element von inspirierend aufgeführter Musik, die von einem Tag zum anderen weiter getragen wird. Die Verbindung stellt sich durch das "Leit-Lied" der Woche her. An jedem Tag einer Woche erklingt dasselbe Lied täglich anders: mal mit Orgel, mal mit Chor, mal mit Band – mal romantisch, mal im Cluster. Parallel dazu gibt es die Chronik, ein schwergewichtiges Buch, in dem sich täglich die eintragen, die das Konzert gestalten. Die Chronik zieht mit den Konzerten durchs Land. Am Ende dokumentiert sie den Jahresverlauf des gesamten Konzert-Projekts. Höhepunkte für mich sind musikalisch und dramaturgisch bis ins Detail ausgefuchste Konzerte, während derer man viel darüber erfährt, wie Menschen Musik in einem Konzert lebendig werden lassen oder wie zum Beispiel in Kinderchören der Grundstein gelegt wird. Der eigentliche Höhepunkt der Reihe aber ist ihre Vielfalt.

Wenn Sie an die Organisation im Vorfeld zurückdenken. Wie haben Sie es geschafft, so viele Gemeinden für das Projekt gewinnen zu können?

Bresgott: "3661+1", sprich: 367 Gemeinden sind mit dabei. Nach anfänglicher Skepsis gegenüber der Größe des Projektes kamen im Laufe der Vorbereitung immer mehr Menschen und natürlich die großzügige Unterstützung durch den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und die Kantoren vor Ort hinzu. Letztlich mussten wir manche Absage erteilen, weil das Schaltjahr 2012 nun mal 366 Tage hat und es somit auch "nur" 366 (+1) Konzerte geben kann. Am Anfang hatten wir eine grobe Route skizziert, mit der wir durch alle Bundesländer und Landeskirchen kommen wollten. Entlang dieser Strecke haben wir dann konkret geplant: Die Resonanz war im Vorfeld ermutigend, im Verlauf schließlich ist sie berauschend.

Wie reagieren die Konzertbesucher? Erreichen Sie mit der Musik auch Personen, die gewöhnlich nicht zum Gottesdienst gehen?

Bresgott: Das spannende dieser Konzerte ist, dass die Kirche sich mit dem Schatz ihrer Musik selbst präsentieren kann und immer wieder Leute einlädt, dabei zu sein. Das ist auch der Sinn der gesamten Veranstaltungsreihe: In vielen Konzerten spielen freie Ensembles oder Gruppen aus Musikschulen mit, Menschen, die nicht unbedingt in der Kirchenmusik verankert sind. Beide Seiten erleben einen regelrechten Bewusstseinswandel. Oft sagen sie: "Es ist ganz anders, als ich es mir vorgestellt habe. Das Miteinander müssen wir ausbauen." Diese Musiker bringen wieder andere Menschen in die Kirche, meist so genannte Kulturchristen, die üblicherweise weniger Kirchen- als Philharmoniekonzerte besuchen, so aber den Weg in die Kirchen finden. Damit wird die Kirchentür zur Membran für Musiker aller Art und damit auch für Besucher aller Art.

Was kann die Kirchenmusik transportieren, was das gesprochene Wort nicht kann?

Bresgott: Die spirituelle Kraft der Musik ist in der Lage, eine Bindung und eine temporäre Verbindlichkeit herzustellen, auf die sich die Leute gegenüber dem gesprochenen Wort eher zögerlich einlassen. Musik, vor allem Chorgesang gilt als Fundament vieler Glaubenserfahrungen. Sie ist auch der Anker, der die Zögerlichen, die Fragenden und die Enttäuschten in die Nähe des biblischen Wortes bringt. Über ihre vielschichtig Resonanz stiftende Dimension schafft es die Musik, dass Menschen sich öffnen. Das Wort in gesungener Form hat einen anderen Zugang zum Menschen als das gesprochene Wort.

Mit welchen Liedern bringen Sie den Herzschlag der Reformation zum klingen?

Bresgott: Als Herzschlag der Reformation haben wir das evangelische Gesangbuch zur Grundlage des Projektes genommen und für das ganze Jahr 77 "Leit-Lieder" gewählt: Lieder aus der Reformationszeit - von Johann Walter komponierte, "richtige" Luther-Lieder, aber auch Lieder unserer Zeit. Es ist ein breites Spektrum, das wöchentlich immer wieder neu zum Klingen bringt, was der Gedanke von "366+1, Kirche klingt 2012" und der der Reformation ist.

Und wie lautet Ihr ganz persönlicher Ohrwurm?

Bresgott: Ein Lied schätze ich sehr: "Nun bitten wir den heiligen Geist". Erst im Mai war es "Leit-Lied" der Woche und in sehr verschiedenen Fassungen zu hören: exzellent zwei- bis achtstimmig in Lüneburg geblasen oder in Gifhorn mit Marimbaphon improvisierend gespielt und vom Kinderchor lustvoll gesungen.

Mir gefällt auch Lied 369 im Evangelischen Gesangbuch: "Wer nur den lieben Gott lässt walten". Es ist interessanter Weise ein öfter in den Konzerten vorkommendes Lied, obwohl es als "Leit-Lied" erst in Kalenderwoche 38 im September auf dem Weg von Usedom in die Uckermark dran ist.

Was passiert mit den zahlreichen Liedern?

Bresgott: In Kooperation mit dem Bärenreiter Verlag haben wir "Frau Musica spricht ... Chorbuch Reformation" herausgegeben mit eben diesen 77 Liedern in jeweils verschiedenen Fassungen als Arbeitshilfe für die Musizierenden. Faszinierend ist, dass in den vergangenen Monaten viele neue Uraufführungen hinzugekommen sind. Die Kantoren vor Ort machen sich viele Gedanken über die aufgeführten Lieder und schreiben oft noch etwas Neues. Demnach müssten wir eigentlich am Ende des Jahres ein weiteres Chorbuch herausgeben…

Wenn Sie auf die nächsten Monate blicken: Welches Konzert würden Sie besonders empfehlen?

Bresgott: Es gibt spannende Orgelkonzerte und fantastische Chorkonzerte, inspirierende Bandauftritte und feine Kammermusik - ich kann gar nicht sagen, dass ich mich auf dieses oder jenes Konzert besonders freue. Im zweiten Halbjahr findet beispielsweise am 25./26. August das große Chorfest "Dreiklang" in Greifswald statt, am 20./21. Oktober das programmatisch faszinierende Festival "Wurzeln und Flügel" in Nürnberg oder am 14./15. Dezember "Jazz erst recht!" mit Gästen aus halb Europa in Bielefeld. Die Lockung aber ist das tägliche Konzert: dort lernt sich eine Gemeinde mit ihren Musikern und Gästen auf eine ganz eigene Art neu kennen.

Wenn Sie kurz Zwischenbilanz ziehen: Wie zufrieden sind Sie?

Bresgott: Ich bin sehr zufrieden und habe mehr Resonanz und Lust am gemeinsamen Tun erfahren, als ich erwartet habe.


Klaus-Martin BresgottFoto: Andreas SchoelzelKlaus-Martin BresgottKlaus-Martin Bresgott M.A. ist Initiator und Intendant der Konzertreihe "366+1, Kirche klingt 2012". Der Germanist, Kunsthistoriker und Chorleiter arbeitet im Kulturbüro des Rates der EKD in Berlin. Mehr Informationen und Blog unter: www.ekd-366plus1.de