US-Amerikaner wandeln in Deutschland auf Luthers Spuren

Touristen aus den USA begeistern sich für den "Wittenberger Kaffeeklatsch"

Wittenberger SchlosskircheFoto: epd/Norbert NeetzTouristenattraktion: An der Wittenberger Schlosskirche soll Luther seine 95 Thesen angeschlagen haben, besagt die Legende. Immer mehr Reisende aus den USA, darunter viele Pfarrer und Journalisten, interessieren sich für die Stätten der Reformation in Deutschland und bereisen zahlreiche Originalschauplätze von Martin Luthers Leben. Auf ihrer Tour durch das Land wollen viele den Geist jener Zeit erspüren.

Einblick in die privaten Wohnzimmer der Lutherstadt

"Die Welt wurde einst von Wittenberg verändert, jetzt trifft sich die Welt in Wittenberg!", verkündet selbstbewusst das Urlaubsmagazin der Stadt. Wer das historische Zentrum in Sachsen-Anhalt aufsucht, will sich vom spürbaren Geist jener Zeit inspirieren lassen. Um viele Menschen zu erreichen, werden Führungen in acht Sprachen angeboten. So besuchen rund 77.000 Menschen jährlich allein das Lutherhaus Wittenberg.

Einen besonderen Einblick in das Leben und die Geschichte der Lutherstadt können die Touristen beim "Wittenberger Kaffeeklatsch" bekommen, der von der Tourist Information Wittenberg in Kooperation mit der Grand Circle Cruise, einem internationalen Unternehmen für Flusskreuzfahrten, angeboten wird. Bei Kaffee und selbst gebackenem Kuchen im Wohnzimmer einer Wittenberger Familie erfahren jeweils vier bis zehn Reisende, wie die Deutschen leben und wohnen, welche Rolle Martin Luther in ihrem Leben spielt und welche Bedeutung das Reformationsjubiläum 2017 für sie ganz persönlich hat. "Der Kaffeeklatsch ist viel mehr als nur ein Kaffeetrinken bei den Wittenbergern", sagt Kristin Ruske, Teamleiterin der Tourist Information Lutherstadt Wittenberg. Die Teilnehmer erfahren vielmehr einiges über das Wirken des Reformators.

Vorurteile werden beim gemeinsamen Kaffeeklatsch abgebaut

Toll sei, wie weltoffen und gastfreundlich die Wittenberger sind. Viele der US-Amerikaner interessieren sich auch für das Leben vor und nach der Wende. So würden ganz nebenbei beim Kaffeeklatsch Vorurteile abgebaut. Die meisten Einwohner der Lutherstadt sind konfessionslos. "Durch das nachmittägliche Treffen fangen sie an, sich selbst für die Reformation zu interessieren und kommen der Kirche teilweise näher als an Weihnachten", sagt Ruske. Sie fügt hinzu: "Ohne dass es die Familien wussten, sind sie Multiplikatoren des Reformationsjubiläums 2017 geworden". 52 Familien hätten bereits seit 2011 mitgemacht.

Wenn die Tourismus-Expertin genau hinblickt, entdeckt sie kulturelle Unterschiede der Reisenden vor Ort. Wenn Ruske beispielsweise das Reiseverhalten von US-amerikanischen Touristen mit dem von Japanern vergleicht, fällt ihr auf, dass viele Japaner eher auf der Durchreise seien und damit weniger Zeit für einzelne Aufenthalte hätten. Auffällig sei auch, dass die meisten Japaner im Bus vorzugsweise am Fenster sitzen wollen, sodass oftmals doppelt so viele Fahrzeuge eingesetzt werden müssten. Viele US-Amerikaner hingegen würden sich mehr Zeit für die Originalschauplätze der Reformation nehmen. Sie hätten bestimmte "Postkartenbilder" im Kopf, die sie selbst auch wirklich erleben wollten.

Konzerte und Lutherwege locken Reisende an

Im Kontakt mit den Reisenden konnte sie beobachten, dass viele US-Amerikaner scheinbar keine Probleme damit haben anderen offen ihre Gefühle zu zeigen, erklärt Ruske. So hat sie selbst schon gesehen, wie eine Gruppe aus den USA vor der Thesentür in Wittenberg das Lied "Ein feste Burg ist unser Gott" angestimmt haben. "Was die meisten Touristen verbindet ist, dass sie viele Kilometer zurückgelegt und eine immense Erwartung an den Ort haben." Letztendlich sei aber ausschlaggebend, was der Ort ganz persönlich für sie bedeute.

Wittenberg werde als reformatorisches Reiseziel im Ausland wahrgenommen, ist Ruske überzeugt: "Hilfreich ist, dass wir das Jahresthema ‚Reformation und Musik' haben". Konzerte, egal ob im Theater, in der Kirche oder entlang des Lutherweges, sprächen eben viele Urlauber an. Sie freut sich bereits auf das Jahr 2015. Dann nämlich werde "Bild und Bibel" mit der Malerfamilie Cranach im Mittelpunkt stehen. "Das ist auch für die Urlauber interessant, die sich für Kunstgeschichte interessieren", fügt sie hinzu.

Viele US-Amerikaner wollen dem Reformator nahe kommen

Touristische Hauptziele sind die Schloss- und Stadtkirche, aber auch das Luther- und Melanchthonhaus. Derzeit werden die Kirchen im Vorfeld des Reformationsjubiläums saniert, das Schloss wird umgebaut. Viele US-Amerikaner interessiert natürlich, wo Martin Luther seine 95 Thesen eigenhändig angeschlagen haben soll. Sie erfahren, dass in der Stadtkirche der Reformator mehr als 2000-mal gepredigt hat. Viele Amerikaner seien offen für Spiritualität. In der Kirche selbst wollten viele die Grabstätte Luthers berühren. "Dieser Ort ist emotional sehr aufgeladen. Näher kann man dem Reformator nicht kommen", sagt Ruske.

Damit Deutschland auch im Ausland als Wiege der Reformation wahrgenommen wird, wird es als solche kräftig beworben – darunter Wittenberg als eine "Perle unter den UNESCO Weltkulturerbestätten". So werden die historischen Stätten der Reformation auch in der Berichterstattung der ausländischen Tagespresse zunehmend wahrgenommen. Damit das Reformationsjubiläum in den USA stärker bekannt wird, gibt es für US-amerikanische Journalisten extra Reisen nach Thüringen und Sachsen-Anhalt, mit dem Schwerpunkthema Martin Luther, erzählt Ursula Schild, Pressesprecherin für Tourismus der Investitions- und Marketinggesellschaft des Landes Sachsen-Anhalt mbH (IMG).

Pfarrer und Journalisten tragen das Ereignis der Reformation in die Welt

Auch Georg Röwekamp, Geschäftsführer und Theologischer Leiter von Biblische Reisen in Stuttgart, kann von US-amerikanischen Reisegewohnheiten erzählen. "Biblische Reisen" bietet Gruppenreisen für amerikanische Pfarrer an, die sich über die Reformationsstätten informieren, bevor sie später einmal mit ihrer Gemeinde anreisen. Die Deutschlandreise beginnt am Frankfurter und endet am Berliner Flughafen und führt die Pfarrer über Mainz, streckenweise mit dem Schiff auf dem Rhein nach Worms (Wormser Reichstag), Augsburg (Augsburger Bekenntnis) und schließlich zu den klassischen Stätten der Reformation in Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Wichtig sei für die Touristen, die Lebensstationen Luthers zu besuchen und dort zu sein, wo der Reformator höchstpersönlich gewesen ist. Viele Amerikaner liebten Anekdoten, wie etwa die Legenden über den Blitzschlag von Stotternheim oder den Tintenfleck auf der Wartburg, aber auch persönliche Geschichten des Reiseleiters. "Die Anekdoten bleiben im Gedächtnis, aber die spätmittelalterliche Frömmigkeit, die deutschen Reisenden auf den Spuren der Reformation erklärt wird, ist hingegen für viele Amerikaner kein Thema."

Nach "Luther-Reise" mit dem Dirndl ins Berliner Hofbräuhaus

Doch so spannend die reformationsgeschichtlichen Stationen für die Touristen auch seien, genauso wichtig sei manchen auch der Besuch im neuen Berliner Hofbräuhaus. Einmal habe sich eine Reisende ein Dirndl in Berlin-Mitte gekauft und dieses stolz am Abend präsentiert. Viele Deutsche wüssten gar nicht, dass es außerhalb von München ein Wirtshaus dieses Namens gibt, für die US-amerikanischen Urlauber hingegen sei dieser Besuch ganz selbstverständlich, sagt Röwekamp.

Einige reisten weiter in den Nahen Osten ins "Heilige Land". Andere wiederum wollten unbedingt nach Salzburg, um die Originalschauplätze des Hollywoodfilms "The Sound of Music" aus dem Jahr 1965 zu besuchen: die Geschichte der Familie Trapp, die während des Dritten Reiches auf der Flucht die Alpen durchsteigt, um nach Italien zu gelangen.

Das Gänsehauterlebnis Martin Luther

Patricia Cress, gebürtige US-Amerikanerin, lebt seit 26 Jahren im hessischen Taunus. Sie selbst kann aus eigener Erfahrung von der Anziehungskraft der Reformationsstätten erzählen, sie war schon dort. Ihr deutschstämmiger Onkel, der in den USA lebt, wünscht sich jedoch als betagter Lutheraner nichts mehr, als einmal in seinem Leben Deutschland besuchen zu können. Die Schlosskirche in Wittenberg, die Wartburg, aber auch die Stationen von Johann Sebastian Bach in Eisenach interessieren ihn.

Auch für die 56-jährige Nichte scheint es noch nicht wirklich greifbar, sich bei ihrem Besuch in Eisenach dort aufgehalten zu haben, wo Martin Luther war. Bei dieser Erinnerung bekommt sie heute noch eine Gänsehaut. Geht es nach dem Willen der Veranstalter aus der Tourismusbranche, soll diese Anziehungskraft bis zum Reformationsjubiläum 2017 noch viele Touristen nach Deutschland locken.