Barbara Scholkmann: "Die Archäologie macht Raum und Zeit der Reformation sichtbar"

Interview mit der Archäologin Barbara Scholkmann

Fundsache LutherFoto: epd-bild/Klaus LandryPokalgläser aus dem Lutherhaus in Wittenberg aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts.Archäologische Funde ändern nachhaltig unser Bild über die Epoche der Reformation. Dabei stand dieser Zeitraum lange nicht im Blickfeld der Archäologen. Erst seit der jüngeren Vergangenheit konzentrieren sie sich stärker auf die Reformation und bringen Licht ins Dunkel. Barbara Scholkmann erzählt, was sichtbare Zeugnisse dieser Zeit sind, ob sich Funde wie Hausmüll oder Gläser Martin Luther zuordnen lassen und wie sich der Glaubenswechsel damals auf die Kultur der Menschen ausgewirkt hatte.

luther2017.de: Die Vorstellungswelt einer Epoche, so auch die der Reformation, ist abstrakt. Wie wird sie für Archäologen greifbar?

Barbara Scholkmann: Archäologen interessieren sich weniger für das Ereignis der Reformation, sondern vielmehr für die Zeit der Reformation. Was sich damals in den Köpfen der Menschen vollzogen hat, lässt sich schwer dinglich festmachen. Die Archäologie kann aber sehr wohl Zeit und Raum sichtbar machen, vor denen die Akteure der Reformation sich bewegt und gehandelt haben.

Was sind sichtbare Zeugnisse dieser Epoche?

Scholkmann: Interessant finde ich, wie sich die Auswirkungen der theologischen Veränderungen durchgesetzt haben. Sichtbar wird dies zum Beispiel daran, wie sich der Kirchenraum verändert hat. Durch die Funde der archäologischen Ausgrabungen lässt sich dieser Entwicklungsverlauf verfolgen. 2007 hatte es in Tübingen eine große Tagung zum Thema "Das 15. und 16. Jahrhundert – Archäologie einer Wendezeit" gegeben. Die Archäologie der Reformation spielte dort eine große Rolle.

Spontan fällt mir als gutes Beispiel der Bildersturm ein. In Bern oder in Münster gab es Ausgrabungen, deren Funde man eindeutig dem Bildersturm zuweisen konnte. Die Zerstörung der Skulpturen ließ sich mit einem konkreten Ereignis verknüpfen. Aufschlussreich ist dabei zu erfahren, was alles mit den zerstörten Heiligenbildern angestellt wurde und wo sie mit welcher Absicht entsorgt wurden.

In Münster hatte man das Material der zerstörten Skulpturen zum Einbau in der Festung verbaut, die nach dem Wiedertäuferstreit errichtet wurde, nachdem also der Bischof wieder die Herrschaft in der Stadt übernommen hatte. Das geschah sicherlich nicht nur, weil man günstig Baumaterial hatte, sondern auch, weil man diese Heiligenstatuen oder andere Bruchstücke sozusagen in das Fundament der wiederhergestellten Ordnung integrieren wollte.

Gibt es weitere reformationszeitliche Funde, also sichtbare Zeichen für den Glaubenswechsel?

Scholkmann: Ja, zum Beispiel die Reformationsöfen. Kachelöfen waren in den Haushalten der Bürgerfamilien der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts in der Wohnstube üblich. Plötzlich aber tauchten Porträt- oder Bildkacheln auf, die Martin Luther oder Kurfürst Friedrich den Weisen abbildeten. Sie lassen sich bis nach Finnland verfolgen und gelten als sichtbares Zeichen für den vollzogenen Glaubenswechsel. Ein weiteres Beispiel sind die Kirchen. Auf einmal gab es viele Kanzeln. Zwar waren sie auch schon vorher bekannt, aber sie gehörten nicht zwingend zum Kirchenraum. Das änderte sich nach und nach, weil die Predigt der zentrale Punkt der Reformationslehre wurde.

Wo haben Archäologen überall eine von der Reformation geprägte Kultur gefunden?

Scholkmann: Überall dort, wo man damals zu dem neuen Glauben übergetreten ist. Spätestens nach dem Augsburger Religionsfrieden, nach dem die Landesherren bestimmten, ob ihr Land katholisch oder evangelisch geprägt sein sollte, breitete sich die "Reformationskultur" aus. Auch in meinem Arbeitsgebiet, dem ehemaligen Herzogtum Württemberg, wurden diese Ofenkacheln und Reformationszeichen gefunden.

Die Reformation ist fest verbunden mit einzelnen Personen: Lassen sich allgemeine Funde überhaupt konkret Personen, etwa Martin Luther, zuordnen?

Scholkmann: Das ist natürlich schwierig. Lassen Sie uns das Beispiel Martin Luther betrachten. Meines Wissens nach gibt es auch keine Ausgrabungen in Wohnhäusern anderer Reformatoren, etwa von Ulrich Zwingli oder Johannes Calvin. Im Herbst 2003 gab es Ausgrabungen am Mansfelder Elternhaus von Martin Luther und im ehemaligen Augustinerkloster in Wittenberg, wo der Reformator später mit seiner Familie gewohnt hat. In Luthers Elternhaus fand man Hausmüll: entsorgte Gegenstände, die kaputt gegangen waren oder die nicht mehr gebraucht wurden und die man in einem Latrinenschacht entsorgte. Ob Luther als Kind aber tatsächlich mit den Murmeln, die dort gefunden wurden, gespielt hat, lässt sich rückwirkend nicht beweisen. Die Funde in Wittenberg beleuchten das häusliche Umfeld, den Lebensstandard und die Lebensumstände des Reformators. Sie zeigen, wie Martin Luther gelebt hat.

Verraten die Gegenstände etwas über den Charakter von Martin Luther?

Scholkmann: Das finde ich ausgesprochen schwierig. Angenommen, ein Siegelring mit den Initialen von Luther würde gefunden. Man würde sagen: Es ist im allerhöchsten Grad wahrscheinlich, dass er diesen Ring getragen hat. Ob er aber auch aus einem Glas, das im Hausmüll gefunden wurde, tatsächlich getrunken hat, lässt sich nun wirklich nicht mehr beweisen.

Haben archäologische Funde unser Bild über die Epoche der Reformation verändert?

Scholkmann: Ehrlicherweise stand die ganze Epoche, also die beginnende erste Hälfte des 16. Jahrhunderts, lange gar nicht im Fokus der archäologischen Forschungen, weil die Archäologie des Mittelalters das Ende ihres Forschungszeitraums um diese Zeit gesehen hat. Erst seit der jüngeren Vergangenheit hat man sich stärker auch auf diese Epoche konzentriert. Dabei sind interessante Erkenntnisse zu Tage gekommen, etwa die Fortschritte auf technischen Gebieten. Plötzlich waren aufwendig gestaltete Prunköfen modern. Sie galten als eine neue Art des gehobenen Wohnens. Diese lassen sich aber nicht allein mit der Reformation verbinden. Wir befinden uns in dieser Zeit im Umbruch vom Mittelalter zur Neuzeit. Wir bewegen uns in der beginnenden Renaissance, in der man mit einem ganz anderen Blick auf die Welt rechnen muss. Es lässt sich sehr schwer trennen, was der allgemeine Zeitgeist und was der Glaubenswechsel hervorgebracht hat.

Die Ausgrabungen in Luthers Elternhaus hatten das Bild vom Reformator nachträglich korrigiert, das Luther von seiner eigenen Herkunft entworfen hat. Dass er der Sohn eines armen Bergmannes gewesen sein soll, passt nicht mit dem Lebensstandard zusammen, den die Funde in Mansfeld belegen. In den Abfallschichten wurden hochwertiger Hausrat, Gläser und viele Münzen gefunden, die die armen Leute nicht hatten. Unter den Funden waren auch eine ganze Anzahl von Speiseüberresten, also Tierknochen, die einen guten Standard der Ernährung belegen. So etwas passt nicht in das Bild einer Familie, die aus armen Verhältnissen kommt und eben nicht viel zum Leben hat.

Auch die Ausgrabungen im ehemaligen Augustinerkloster in Wittenberg, wo Luther mit seiner Familie später gelebt hatte, brachten viel Hausmüll ans Licht. Darunter befand sich viel Glas, was sicherlich eine Art Luxusgut war, etwa venezianische Gläser. Ob sie tatsächlich Luther gehört haben, ist recht wahrscheinlich, lässt sich aber nicht beweisen. Auch diese Funde belegen einen großbürgerlichen Haushalt. Martin Luther war offenbar ein relativ wohlhabender Mann.

Was fasziniert Sie als Archäologin, wenn Sie auf die Reformationszeit blicken?

Scholkmann: Mich interessieren die Auswirkungen der Reformation. Zum Beispiel:Verändern sich die Bestattungssitten der Menschen, wenn sie Protestanten sind oder werden sie weiterhin in der alten Weise begraben? Welche Auswirkungen gehen hier mit dem Glaubenswechsel einher? Untersuchungen zeigen, dass der Glaube sich praktisch erst einmal überhaupt nicht ausgewirkt hatte. Offenbar wurden die alten Bestattungssitten weiter behalten. Spannend ist auch zu erfahren, wie schnell die von den Reformatoren geforderten Veränderungen im Kirchenraum umgesetzt wurden. Hat man zum Beispiel die Kirchenaltäre in der Schweiz wirklich komplett entfernt oder blieben die Leute konservativ und es dauerte 50 bis 100 Jahre bis der Wechsel tatsächlich vollzogen war? Man hat herausgefunden, dass es zum Teil relativ lang andauernde Prozesse waren. Die Menschen waren trotz des Übergangs zur neuen Religion noch dem Alten sehr verhaftet und nicht überall so willig, schnell diese ganzen Veränderungen zu vollziehen. Das hat mehrere Generationen gedauert.

Ein weiteres Beispiel: Die Reformatoren hatten gefordert, dass die Friedhöfe von den Kirchen wegverlegt werden sollten. Das wurde nur teilweise vollzogen, vor allen Dingen in Städten und weniger auf dem Land. Da blieb man dabei, seine Toten auf dem Kirchhof bei der Kirche zu bestatten. Selbst wenn man heute weiß, dass in einem bestimmten Ort ab einer bestimmten Zeit die Menschen Protestanten waren, beweisen archäologische Untersuchungen in Gräbern, dass der alte Bestattungsritus beibehalten wurde.


Barbara ScholkmannFoto: privatProf. Barbara Scholkmann.Prof. Dr. Dr. hc Barbara Scholkmann war bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 2007 Professorin für Archäologie des Mittelalters an der Universität Tübingen. Sie ist korrespondierendes Mitglied des Deutschen Archäologischen Instituts. 1999 erhielt sie den Forschungspreis der Jubiläumsstiftung der Schwedischen Reichsbank. 2007 wurde sie mit der Ehrendoktorwürde der Universität Lund ausgezeichnet. Von 2001 bis 2006 war sie zudem Prorektorin für Studium und Lehre an der Universität Tübingen.