"Denn wo der Glaube ist, da ist auch Lachen"

Von einer reizvollen Verwandtschaft wie auch Lächerlichkeit christlichen Glaubens

Ansteckendes Gelächter.Foto: photocase.comDem Teufel Bauchgrimmen - und dem Gläubigen kitzelnde Freiheit im Bauch.
Martin Luther wird ein robuster Humor nachgesagt. Nicht zufällig konnte der Reformator gut über sich selber lachen und fürchtete sich nicht vor schallendem Gelächter, wie zu seiner Zeit üblich. Die Theologin und Clownin Gisela Matthiae schreibt über die reizvolle Verwandtschaft von Humor und Glauben.

"Denn wo der Glaube ist, da ist auch Lachen" - und eben deshalb wird in unseren Kirchen, sogar in den Kirchenämtern, fortwährend schallend und herzhaft gelacht. Oder etwa nicht? Wenn es nach Luther ginge, wäre dies tatsächlich so, denn dieses Zitat stammt aus seiner 457sten Tischrede.

Martin Luther wird ja ein robuster Humor nachgesagt, der in seinem Spott über den Tod begründet ist und damit gleichzeitig auf die Spitze getrieben wird. Recht abgründig geht es schon zu, wenn Luther den Teufel als Ungeheuer darstellt, das in der Hölle alle Sünder verschlingt. Auch  Christus wird dort verschlungen, obwohl er etwas anders als die anderen schmeckt und dem Teufel arges Bauchgrimmen beschert. Woraufhin der nicht nur Christus wieder ausspeit, sondern alle anderen Sünder gleich mit. Mit dieser Geschichte nach Martin Luther ist derb und bildlich bald allen der Garaus gemacht: dem Tod, dem Teufel, Hölle und der Macht der Sünde. Wenn das kein Grund zum Lachen ist

Lachen – ein ansteckendes Übel

Den Menschen im Mittelalter und vor allem für die asketischen Ideale im Kloster galt das Lachen eher als Graus. Als unkontrollierte und gar ansteckende Körperreaktion hielt man es für eine Quelle  sündigen Verhaltens. Entsprechend sollte nur maßvoll oder möglichst gar nicht gelacht werden – oder eben in den dafür reservierten Zeiten des Karnevals, der Narren- und Eselsmessen. Für Luther allerdings war das Lachen kein Ausdruck der Sünde mehr, sondern ein Ausdruck für die Überwindung der Sünde. Damit ist das Lachen freigegeben auch jenseits der dafür ausgewiesenen Zeiten - was im protestantischen Christentum auf lange Sicht auch nicht gerade für weite Verbreitung gesorgt hat. Die Fröhlichkeit der Lutherschen Tischgemeinschaften ist nicht zu einem besonderen Kennzeichen des Christentums geworden.

Diesseits und Jenseits, Endlichkeit und Unendlichkeit, Leben und ewiges Leben – das sind die Reibeflächen, an denen sich sowohl der Glaube als auch der Humor entzündet. Beide leben aus einer Spannung zwischen letztlich Unvereinbarem und dennoch untrennbar aufeinander Bezogenem. Größer als in unserer christlichen Religion könnte diese Spannung gar nicht sein: Da ist Gott Mensch geworden. Diese sogenannte Inkarnation, die Menschwerdung Gottes, bringt das Unendliche mitten hinein ins Endliche und andersherum.

Verlacht als Christen, die einen gekreuzigten Esel anbeten

Kein Wunder, dass so ein irdischer Gott auch reichlich Spott auf sich gezogen hat. Jesus wurde als König der Juden, als Messias tituliert und verspottet, weil er diesem Bild so gar nicht entsprach. Den Christen wurde in einer Karikatur vorgehalten, sie würden einen gekreuzigten Esel anbeten. Lächerlich sei das. So hat die christliche Religion einen urkomischen und zugleich urtragischen Grund, denn sie verkündigt einen Gott, der in Windeln gewickelt in einer Krippe lag. Der zu Tode gefoltert wurde – und von den Toten auferstanden ist. Das wurde schon in den Tagen der ersten christlichen Gemeinden als grotesk empfunden. Die Nachricht darüber ist eine Narrheit und wer das glaubt, ist ein Narr, sagt Paulus (1 Kor 1,18; 1 Kor 4,10). Und so sind wir eben alle Narren, wenn wir das glauben!

Komik entsteht durch eben solche Spannungen. Da passt etwas nicht zusammen. Auch dass die Letzten die Ersten sein werden, ist eine komische Antwort Jesu an seine Jüngerinnen und Jünger (Mt 19,30), die aufhorchen lässt. Meist entzündet sich an etwas Komischem das Lachen, aber es kann so oder so geartet sein. Es kann ein spöttisches oder ungläubiges Verlachen, ein verblüfftes oder befreites Auflachen sein oder es kann einem das Lachen im Hals stecken bleiben. Es kann auch sein, dass man sich ärgert und überhaupt nicht lacht. Wie kommt dann der Humor ins Spiel?

Über sich selbst lachen können

Humor ist nicht gleich Komik. Komisch ist etwas, aber Humor hat man – um dieses Komische überhaupt als solches wahrnehmen zu können und dann freudig, erleichtert darüber zu lachen. Humor ist auch nicht mit Spott zu verwechseln. Humor ist der Wille und die Fähigkeit, gerade angesichts einer misslichen Situation, in die man geraten ist, noch lachen zu können. Und zwar über sich selbst. Dazu braucht es auch die wunderbare Bereitschaft, sich selbst schmunzelnd von der Seite anzuschauen und mehr als nur einen Blick auf die Situation zu werfen. Denn aus einer anderen Perspektive ergibt sich oft auch eine andere Deutung ein- und derselben Situation.

Humorvolle Menschen zeichnen sich dadurch aus, dass sie mehrere Blickwinkel zulassen und sogar bereit sind, die eigenen Lieblingsthesen zur Debatte zu stellen. Sie pflegen eine Offenheit gegenüber unterschiedlichen Deutungsmöglichkeiten, sind neugierig und interessiert. Damit nehmen sie sich selbst, ihre Situation und die Lage der Welt ernst, aber sie nehmen alles nicht zu ernst. Wer alles zu ernst nimmt, wird schnell verbissen und vielleicht sogar rechthaberisch und halsstarrig. Humorvolle Menschen verfügen über eine gelassene Distanz zu sich selber und einen Weltabstand, die gerade nichts mit Weltflucht zu tun hat. Insofern ist Humor nicht einfach Spaß, sondern eine durchaus ernsthafte und ernst zu nehmende Haltung: eine Haltung der Toleranz, des Dialogs, eine Haltung innerer Freiheit zu sich selbst und zu anderen.

Lachend mitten im Leben stehen und den Blick Gottes nicht fürchten

Der Glaube wie der Humor wissen um die Dramen des Lebens, die mal größer, mal kleiner ausfallen, die sogar den Tod umfassen. Aber beide wissen auch, dass dieses Leben wunderbar ist und der christliche Glaube hält es für besonders ausgezeichnet durch die Menschwerdung Gottes. Humor wie Glaube rechnen immer mit einem Überschuss, einem Mehr: an Perspektiven, an Handlungs- und Deutungsmöglichkeiten, an glücklichen Wendungen. Darin sind sie sich ähnlich und können sich wunderbar ergänzen. Der Glaube macht den Humor noch närrischer und eröffnet eine religiöse Dimension; der Humor bewahrt den Glauben davor, fanatisch zu werden. Ein humorvoller Glaube oder ein gläubiger Humor rechnet mit Gottes unmöglichen Möglichkeiten, wie sie sich einmal mit der Auferstehung Jesu gezeigt haben. Da waren der Jubel und das Staunen groß.

Trotzig und närrisch auf Gottes Verheißungen vertrauen

Christlicher Glaube geht davon aus, dass nichts so bleiben muss, wie es ist, und dass sich aus jedem Scheitern wieder wunderbare neue Möglichkeiten auftun können. Humorvoller Glaube und gläubiger Humor, das ist die trotzige Haltung, närrisch und mitunter wider alle Vernunft, Gottes Verheißungen zu trauen. Für die christliche Theologie ist Gottes gerechte Welt  schon jetzt Gegenwart und doch noch verborgen. Sie ist jetzt schon nahe herbeigekommen, Frieden und Gerechtigkeit sind möglich, auch wenn die Anzeichen gar nicht dafür stehen sollten.

In diesen Formulierungen wird deutlich, dass Glaube und Humor sowohl dem Diesseits wie dem Jenseits, dem Leben und dem ewigen Leben gerade in ihrem spannungsreichen Verhältnis verbunden sind. Sie halten diese offen und bewegen sich stets auf der Grenze. Große protestantische Theologen wie Sören Kierkegaard und Karl Barth haben den Humor als eine theologische Dimension entdeckt. Für einen "Ausdruck christlicher Freiheit" hält ihn Karl Barth. Für Sören Kierkegaard verweist er auf „Gottes Unendlichkeit und weiß doch, dass diese sich an unsere Endlichkeit gebunden hat". Verkehrt wäre es also zu meinen, der Humor helfe einem Christenmenschen lediglich, die schlimme Endlichkeit lächelnd zu ertragen in der Hoffnung auf ein erlöstes Jenseits. Wer dem Humor diese Rolle zuteilt,  verwechselt ihn mit Ironie oder Sarkasmus – mit einer Haltung, mit der man sich scheinbar unbeteiligt über die Dinge erhebt. Der Humor und auch der Glaube sind da viel bodenständiger und lebenslustiger, angstfrei und trotzig, kühn und voller Hoffnungen. Es gibt also gute theologische Gründe zu lachen – zuallererst über sich selbst, über die eigenen religiösen Überzeugungen, über die Versuche, der Kirche Gestalt zu geben, über alle Versuche, eine bessere Welt zu schaffen. All das ist wichtig und ernst, sehr ernst sogar, aber nicht zu ernst.

Wird hier gelacht?

Denn es könnte auch ganz anders sein und noch sind wir nicht am Ende unserer Möglichkeiten, noch lange nicht. Der lutherische Glaubenstest wäre dann die Frage: Wird hier gelacht? Wenn diese Frage mit Ja beantwortet werden kann, könnte es sein, dass es sich sogar um den christlichen Glauben handelt!


 Foto: privatDr. Gisela Matthiae ist Pfarrerin, Theaterpädagogin und Clownin. Derzeit ist sie freiberuflich tätig als Lehrbeauftragte, Referentin in der kirchlichen Bildung, in Vortrags- und Tagungsarbeit, als freischaffende Autorin und auf der Bühne.